Dass ich mit Holländisch im Herzen Anatoliens durchkomme, das hätte ich wirklich nicht erwartet. Nicht, weil hier viele Tourist:innen unterwegs sind. Sondern weil aus den kleinen Dörfern, die eingebettet zwischen den bizarren Felsformationen Kappadokiens auf über 1000 Metern Höhe liegen, vor Jahrzehnten viele Familien in die Niederlande auswanderten. Ihre Kinder und Enkel kommen heute zurück, manche nur für den Sommer, manche für immer. Sie tragen die Türkei im Herzen und sprechen Niederländisch miteinander.
So organisiere ich also auf holländisch unsere Abendresidenz. Vor einer Moschee stehend, umringt von 27 Menschen, die alle gute Ideen dazu haben, wo wir die Nacht verbringen können.
Die letzten zwanzig Kilometer waren hart. Bisher war mir bergauf ein Gräuel. Nun weiss ich, was noch anstrengender ist: Bergauf und Gegenwind. So ist es schon dunkel, als wir unser Ziel, ein grün leuchtendes Minarett, das uns die letzte Stunde den Weg durch die Berge und den Wind gewiesen hat, erreichen.
Aus unserer Idee, hier oben unser Zelt aufzustellen, wird nichts. Das halbe Dorf scheint miteinander in Kommunikation zu stehen, um unser Wohlergehen bemüht. Schließlich werden wir in dem Nebenraum einer Moschee untergebracht. Wir haben ein ganzes gepolstertes, ziemlich sauberes Zimmer für uns, wundervoll.

Während Lukas und Petur direkt einschlafen, lasse ich die vergangenen Tage und Wochen in mir Revue passieren. Nicht, ohne noch einige der frisch gepflückten Aprikosen, die wie Marmelade schmecken, zu genießen. Diese sind jetzt reif und beschenken uns. Das ist pures Glück für mich, mir eine verschrumpelte, weiche, von Sonnenbrand gezeichnete Aprikose auf der Zunge zergehen zu lassen, die so köstlich schmeckt, als ob die ganze Welt in dieser Frucht liegt. Auch Maulbeeren gibt es in Hülle und Fülle, fast schwarz und manche so gross wie Zwetschgen.
Kurzes Update, falls du noch nicht mitgelesen hattest: Ich war zwischendurch arbeitsbedingt in Deutschland. Hin mit Bus und von Wien aus trampend, zurück – leider mit dem Flugzeug. Ich habe wirklich alles gegeben, um den Rückweg über Belgrad (wo mein Rad untergestellt war) und weiter nach Istanbul mit dem Bus zu organisieren. Die Transportregeln einiger Busunternehmen in Kombination mit meinen Onlinekursen (ich arbeite von unterwegs aus), unserem Zeitplan (der vorallem bestimmt ist durch Visavorgaben und Jahreszeiten) und unserem Budget, machten es nicht möglich.
Jedenfalls war ich sehr happy, den Teil meiner Family, mit dem ich gerade auf Rädern unterwegs bin, wieder zu treffen. (Unsere grossen Mädels fehlen mir allerdings sehr!)
Die beiden Jungs waren von Belgrad durch Bulgarien in die Türkei geradelt, und zwar in so einem Affenzahn, dass ich jetzt einen völlig erschöpften Petur wieder traf.
So ging es die erste gemeinsame Woche sehr langsam vorwärts. Unser erstes Ziel war Istanbul. Bis zum Zentrum hatten wir 50 Kilometer zurückzulegen, in einer in einer Hitze, an die ich mich erst noch gewöhnen muss. So hielten wir anfangs bei jedem Cay-Shop für kaltes Sprudelwasser (und schwarzen Tee, Cay, womit wir hier überall beschenkt werden).

Istanbul, war wie letztes Mal auch, überwältigend schön. Die grossen Moscheen, die Bazare, die Menschen. Unerwartet landeten wir auf einer Mahnwache für Frieden, für einen Stopp des Genozids im Gaza. Das war sehr berührend für uns, wieviele Menschen dort verbunden zusammen kamen. Und es wurde auf einer anderen Ebene spürbar, dass die Menschen um uns herum, sich der Kultur und Religion des palästinensischen Volkes, sehr nah sind. Wir sahen viele Tränen und waren selbst sehr traurig darüber, dass es Kriege gibt auf dieser Welt. Wir finden keinen Krieg der Welt gerechtfertigt, unsere Herzen stehen für Gewaltfreiheit. So konsequent, wie wir nur irgendwie können.
Abends war der selbst gewählte Lernstoff unseres Sohnes klar: Judentum. Antosemitismus. Nahost-Konflikt. Wir tauchten ein in 3000 Jahre Geschichte. Dies als Information zur Beruhigung der Leser:innen, die sich fragen: « Was lernt denn das Kind? »
Was unser Sohn hier vorallem lernt ist Toleranz, Nächstenliebe und Grosszügigkeit. Für uns bedeuten diese Qualitäten so viel mehr, als der Stoff aus Schulbüchern. Ich glaube, dass diese Erfahrungen unseren Sohn ein Leben lang begleiten werden. Wenn Menschen später über „die Muslime“ sprechen, wird er nicht zuerst an Schlagzeilen denken, sondern an die Menschen, die uns ihre Häuser geöffnet, uns Tee gekocht und uns wie Familienmitglieder behandelt haben.

Ich spüre täglich, wie meine sehr subtilen Vorurteile und Bewertungen über den Islam bröckeln. Was wir erleben sind Menschen, denen der verkörperte Ausdruck von Mitgefühl, Grosszügigkeit, Herzoffenheit, Ehrlichkeit, Vertrauen und Demut wichtig sind, und die diese Qualitäten wirklich leben.
Wir wollen die Türkei nicht in eine rosa Wolke tauchen, denn natürlich gibt es hier, wie in anderen Ländern auch, Schattenseiten.
Und dennoch erlauben wir uns, diesen Aspekt des selbstlosen Gebens, zu preisen. Denn dieses öffnet Herzen. Dazu gibt es wissenschaftliche Studien :-). Geben und Nehmen lassen die Grenzen von « mein » und « dein » schmelzen. Und wir als Deutsche können hier sehr viel lernen.
Tatsächlich werden wir uns hier unserer eigenen Grosszügigkeit bewusst, die sich zum Beispiel zeigt, im Annehmen von Einladungen. Denn manchmal wäre der Sternenhimmel und das abgeerntete Kornfeld angenehmer für uns erschöpfte Radreisende, als eine zweistündige Konversation am Abend mit Hilfe der « Übersetzer-App » (Thank God for this!) und ein womöglich verqualmtes Zimmer.

Für uns wird deutlich, dass Nehmen und Geben das Gleiche ist.
Ein paar Beispiele aus den letzten Tagen, die die geteilten Unterküfte und unfassbar leckeren Abendessen und Frühstücke ausser acht lassen:
- Die Polizei hält uns an. Statt unsere Pässe zu sehen und Stress zu machen, dass wir uns an einem Ort aufhalten an dem « Campieren verboten » ist, beschenkt sie uns mit Keksen und Wasser und fragt, ob wir etwas brauchen.
- Wir fahren auf einer sehr dicht befahrenen vierspurigen Strasse. Das Auto vor uns hält abrupt an. Der Fahrer steigt aus und schenkt uns zwei Kilo Kirschen.
- Wir sitzen auf Parkbänken in einer kleinen Stadt. Sofort stehen vor uns drei Gläser Tee.
Wo immer wir sind, werden wir herzlich willkommen geheißen, uns wird ein Bett angeboten und Essen. Das ist selbstverständlich hier. Wir sehen, wie die Menschen sich freuen, wenn wir ihre Einladungen annehmen.
Um kein falsches Bild zu erwecken: Wir sind Radreisende und oft in abgelegenen Gegenden, Bergen oder Steppen, unterwegs. Da begegnen wir auch tagelang niemandem, essen Brot, Gurken, Tomaten, Linsen und Hafer, und waschen uns (viel zu selten für meinen Geschmack) an Brunnen. Wir schlafen draußen, schwitzen und unsere Körper sind bedeckt mit Schichten von Sonnencreme, Schweiß und Staub. Wir sind Fremde in diesem Land. All das, hält die Menschen hier nicht davon ab, auf uns zuzugehen, uns willkommen zu heißen und in ihr Heim einzuladen.
Ich musste weinen, als gestern eine Kindheitserinnerung zu mir kam. Ich erinnerte mich daran, dass eine kurdische Flüchtlingsfamilie in unsere Nachbarhaus zog. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir sie in all den Jahren auch nur einmal zum essen eingeladen hätten.
Vor ein paar Tagen, hat uns eine sehr offene, herzverbundene kurdische Familie mit diesem Frühstückstisch geweckt:

Wir teilen unsere Erfahrungen auf Instagram. Uns erreichen Tausende Reaktionen. Vorallem von Menschen mit türkischen Wurzeln, die in Deutschland leben. Viele schütten uns ihr Herz aus. Teilen Erinnerungen aus ihrer Kindheit, wie sie bei einer deutschen Familie zu besuch waren, und als es Mittagessen gab, gebeten wurden, in einem anderen Zimmer zu warten. Menschen teilen mit uns, wie sie in Deutschland mal Hilfe brauchten und von Deutschen wie Menschen behandelt wurden, die nicht wirklich dazugehören. Es sind viele solcher Geschichten. Und sie tun uns im Herzen weh. Wir fühlen die Betroffenheit und den Schmerz dieser Menschen. Und wünschen für uns, dass wir wachsen in unseren Fähigkeiten grosszügig zu sein. Was auch heißen kann, jemand anderem das Gefühl zu geben, sicher zu sein.
Wir fühlen uns sehr sicher hier. Wenn uns nachts jemand auf dem Feld weckt, gehen wir inzwischen fast selbstverständlich davon aus, dass diese Person nach uns sehen möchte.

Wie wäre es, wenn wir alle so aufeinander acht geben würden? Wenn wir uns durchs Leben bewegen würden mit dem Blick: « Brauchst du etwas? Kann ich etwas für dich tun? »
Grosszügigkeit hat viele Facetten. Wenn du dir die Zeit und Ruhe genommen hast, bis hierhin zu lesen, ist das eine davon. Uns das wissen zu lassen, könnte eine andere sein. Es ist ein Geschenk für uns, wenn du Anteil nimmst an unserer Reise. Danke.
Ach ja, und wie es dann Routenmässig weiter ging, willst du vielleicht noch wissen. Wir sind den Sufipfad gefahren. Den wir vor vier Jahren mit zwei unserer Kinder gelaufen sind. Von Istanbul mit der Fähre nach Yalova und über Iznik nach Konya. Dazu mehr in einem anderen Artikel.

An dieser Stelle wünschen wir, dass es dir gut geht, dass du Vertrauen ins Leben hast und Liebe spüren kannst.
Mit den herzlichsten Grüssen aus Avanos (hier schreiben wir gerade das Ende des Artikels), wo Lukas und und Petur sich heute morgen um vier Uhr aufgerafft haben, um diese spektakuläre Kulisse erfahren zu können. Hunderte von Heißluftballons, die es Touristen ermöglicht, die bizarren Felsformationen dieser Region, von oben zu betrachten.
Nirmala (Verfasserin) und Lukas (der mitgewirkt hat beim Schreiben).

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