Im Bus fahre ich die Strecke zurück, die ich die letzten zwei Wochen mit dem Fahrrad gefahren bin. Von Belgrad nach Wien. Erneut überquere ich die serbisch-ungarische Grenze – nur dass diesmal alles zehnmal so lange dauert. Die EU hat sich abgeriegelt, an diesem Zaun, der so unüberwindbar wirkt, kommt niemand vorbei.
Ich bin auf dem Weg nach Norddeutschland. Erst mit dem Bus und dann trampend. So der Plan. Dort darf ich ein Schweigeretreat im «Haus der Stille» unterrichten, auf das Einkommen sind wir angewiesen. Obwohl wir ziemlich extrem low budget leben. Ich habe immerhin noch zwei grosse Mädels in der Welt, die Unterhalt bekommen.
Ich lasse die letzten Wochen Revue passieren. Fünf Wochen Fahrrad fahren. Vorher hatte ich nicht mal eins. Bin seit Jahren nicht gefahren und es ist meinem Po anzumerken. «Wird das irgendwann besser?» ist eine Frage, die sich mir immer wieder stellt.
Die ersten Wochen gehen eher schleppend voran. Es regnet viel und ist kalt. Mein Körper besteht noch aus Alltagsgewebe und To-do-Zellen. Zum Glück merkt mein Sohn schnell, dass er mit mir wirklich keine 100 Kilometer am Tag fahren kann – und lässt sich darauf ein. Eine andere Chance hat er eigentlich auch nicht.
Wir sind entschieden, erstmal nach Asien zu kommen, bevor wir uns für ein Land wirklich Zeit nehmen. Gleichzeitig fühlen wir jedes Land ziemlich roh und wild, schliesslich schlafen wir auf der Erde. Manchmal tatsächlich vor Erschöpfung auf sandigem Boden, ohne Unterlagen, bei Nieselregen. Mittagsschlaf kommt bei uns nicht zu kurz.

Ja, wir könnten das Ganze auch langsamer angehen. Zumal Verlangsamung eine der Qualitäten ist, die ich liiieeebe. Und die mich zurück zum Wesentlichen bringt. Der Kontakt mit der Erde, das Ernten wilder Kirschen und Maulbeeren, Baden in der Donau (mein Körper braucht keine Seife und auch unser Geschirr wird mit Gras, Sand und Flusswasser gesäubert) und die Einfachheit des Momentes tun mir gut. Sie erinnern mich daran, wie wenig es eigentlich braucht.
Nach fünf Wochen sind meine Zellen klargespült. Unsere Kost besteht hauptsächlich aus im Wasser gekochtem Hafer, Linsen, Kirschen, Maulbeeren und Nüssen. Diese Einfachheit läutert mich. Sie öffnet mein Herz. Ich nehme mir Zeit für die wenigen Kontakte, die ich habe, kann Menschen länger in die Augen sehen (Zeichen eines gut regulierten Nervensystems) und lasse, wie in meiner Meditationspraxis, das innere und äussere Wetter durch mich durchziehen.

Es verändert sich ja sowieso alles die ganze Zeit. So machen mir auch unsere gelegentlichen Konflikte sehr wenig aus. Anders als zu Hause (als ich noch eins hatte), wo ich bei Anspannung im System gerne in den Wald geflohen bin. Naja, Wald ist ja sowieso viel da. Zumindest noch in Tschechien und Österreich.
Südungarn zeigt sich monoton platt und auch in Serbien nimmt die kilometerweite Monokultur kein Ende. «Hier sieht uns sicher niemand, wenn wir hier zelten», ist einer der Sprüche, die wir uns öfter zuwerfen. Schliesslich steht unser Zelt mitten in Feldern, für jeden sichtbar. Nicht mal Büsche gibt es hier. Jedes Feld fein säuberlich gereinigt von anderen Pflanzen und Lebewesen. So gut letzteres eben geht. Hier wollen wir ganz sicher keine Wildkräuter essen, falls doch mal ein paar dazwischen wachsen.
In Ungarn schauen mein Sohn und ich uns das Parlamentsgebäude in Budapest an. Ein sehr beeindruckender Bau, der zu den grössten Parlamentsgebäuden der Welt zählt und Ende des 19. Jahrhunderts zur Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie errichtet wurde. Mit seinen Türmen, Bögen und der Lage direkt an der Donau wirkt er fast wie ein Märchenschloss – nur dass hier Politik gemacht wird.

Wir kommen bei einer Warmshowers-Familie unter. Warmshowers ist eine Plattform, auf der Radreisende anderen Radreisenden eine Unterkunft anbieten. Hier in Budapest klappt es für uns und da das Paar selbst vier Jahre auf Liegerädern um die Welt gefahren ist, unterhalten wir Reisejunkies uns bis spät in die Nacht hinein. Wohlgemerkt, über unsere ausgefaltete Weltkarte gebeugt, auf dem Boden kniend. Das ganze Haus hängt voller Fotos von ihrer Reise – mit Abstand am besten gefällt mir das, wo sie wieder zu Hause ankommen.
Auch in Belgrad bilden wir uns weiter. Durch einen Besuch im Nikola-Tesla-Museum. Petur ist begeistert über den Vorreiter der modernen Elektrotechnik, dessen Ideen unsere Welt bis heute prägen. Vieles von dem, was für uns selbstverständlich geworden ist – von Stromnetzen bis zur drahtlosen Kommunikation – geht auf seine Visionen und Erfindungen zurück.
Belgrad trennt sich für mich in zwei Welten. Auf der einen Seite die Altstadt rund um die Festung Kalemegdan, dort wo Save und Donau zusammenfliessen und sich die Geschichte der Stadt auf Schritt und Tritt zeigt. Auf der anderen Seite das neuere Belgrad mit seinen breiten Strassen und Plattenbauten. Die Stadt wurde im Laufe ihrer Geschichte unzählige Male erobert, zerstört und wieder aufgebaut. Vielleicht spürt man deshalb diese besondere Mischung aus Rauheit und Herzlichkeit. Und tatsächlich scheint es an jeder zweiten Ecke einen Popcornstand zu geben.

Unsere Reise, die vom Iron Curtain Trail auf der tschechisch-österreichischen Grenze auf dem EuroVelo 6 entlanggeht (der vom Atlantik bis ans Schwarze Meer führt), ist eine Reise durch die Geschichte. Dazu kommen ganz persönliche Bilder hoch. Wie ich als Kind immer wieder die Grenze von West nach Ost mit meinem Vater passiert habe, während meine Mutter, der dies verwehrt wurde, auf der westlichen Seite warten musste. Sie durfte nach ihrer Ausreise 1975 in den Westen, die sie über mehrere Jahre immer wieder beantragt hatte, 13 Jahre nicht wieder zurück zu ihrer Grossfamilie, in der sie aufgewachsen war. Nicht mal zur Beerdigung ihres Vaters.
Bilder von Grossdurchsuchungen unseres Autos an der Grenze (auch die Sitze wurden ausgebaut), bis hin zu Festnahmen und der Geschichte eines Onkels, der zehn Monate im Stasi-Gefängnis Bautzen II sass.

Ich erinnere mich, wie ich als 13-Jährige vorm Fernseher sass und meine Mutter plötzlich aufrief: «Das ist ja die Marlies!» Eine Freundin von ihr, die sie seit ihrer Ausreise nicht mehr gesehen hatte. Sie war in den Fernsehbildern aus Prag zu sehen, wo Tausende DDR-Bürger in und um die westdeutsche Botschaft auf eine Möglichkeit hofften, in den Westen auszureisen. Wenige Monate später fiel die Mauer. Was wir als Familie vor dem Fernseher feierten.
Dann die Bilder von Menschen auf der Flucht, die ihr Glück, Frieden und ihr Leben in Europa wiederfinden wollen. Auch ihnen begegnen wir auf unserer Reise – nicht persönlich, sondern in den Geschichten, Bildern und Spuren entlang der Route. Uns erschreckt der Zaun an der ungarisch-serbischen Grenze sehr und erneut wird uns unser Privileg bewusst, dass wir uns so frei bewegen dürfen. Dabei ist diese Freiheit für viele Menschen in Europa historisch betrachtet noch erstaunlich jung. Für Millionen Menschen hinter dem Eisernen Vorhang war Reisen über Jahrzehnte stark eingeschränkt oder gar unmöglich. Erst seit dem Ende des Ostblocks und dem Fall der Grenzen Ende der 1980er Jahre ist Freizügigkeit für viele von uns zu einer Selbstverständlichkeit geworden – so selbstverständlich, dass wir leicht vergessen, wie aussergewöhnlich sie eigentlich ist.
Wir reisen durch Zeiten, durch Geschichten, an Menschen vorbei, die alle glücklich sein wollen. Die lieben, hoffen, leiden und ihren Platz in dieser Welt suchen. Die sich lebendig fühlen möchten und deren Würde unantastbar ist. Vielleicht ist das am Ende das Verbindende zwischen all den Grenzen, Nationen und Lebensgeschichten: die Sehnsucht nach einem guten Leben, nach Sicherheit, Freiheit und Zugehörigkeit.

Mit diesen Reflexionen in mir fahre ich die Strecke von Belgrad nach Wien im Nachtbus innerhalb von fünf Stunden. Wobei das nicht ganz stimmt. Dazu kommen noch drei Stunden mitten in der Nacht, in denen wir an der Grenze das sorgfältige Prozedere der ungarischen Grenzpolizei über uns ergehen lassen. Während draussen die Scheinwerfer den Zaun beleuchten und die Müdigkeit in den Knochen sitzt, wird mir einmal mehr bewusst, wie unterschiedlich Bewegungsfreiheit verteilt ist. Am nächsten Morgen rolle ich in Wien ein. Die gleiche Strecke, für die wir mit dem Fahrrad zwei Wochen gebraucht haben. Und doch fühlt es sich an, als hätte ich unterwegs viel mehr durchquert als nur Länder. Es waren Geschichten. Erinnerungen. Grenzen in der Landschaft und Grenzen in den Köpfen. Manche gefallen, manche neu errichtet. Und alle erzählen etwas darüber, wer wir waren, wer wir sind und wer wir werden könnten.
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