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Die Welt als Klassenzimmer

Wie ein 12-jähriger seine Eltern mit dem Rad um die Welt nimmt

Geplant war das nicht, dass unser Sohn keine Schule besucht. Weil wir an dem Gewohnten und Vertrauten festhalten, brauchen wir Eltern zwei Jahre, unserem 5-jährigen Sohn endlich zuzuhören und zu verstehen. Seine Botschaft war klar: Er wird sich nicht von Erwachsenen betreuen lassen, von denen er nicht weiss, wie diese wohnen und leben. Er wird nicht weiter zum Kindergarten und auch nicht zur Schule gehen.

Für uns Eltern heisst das, loszulassen von Konzepten und Vorstellungen und kreative, individuelle Lösungen zu finden, um Lernen ausserhalb des Schulsystems zu ermöglichen. Letzteres ist in Deutschland nicht einfach. Gibt es doch hier, im Gegensatz zu allen anderen Ländern Europas, eine Schulanwesenheitspflicht. Betonung auf Anwesenheit. Wohingegen in anderen Ländern Europas eine Bildungspflicht gilt.

Das Freilernen macht Spass und fühlt sich richtig an. Wir Erwachsenen lernen mit und im Fluss des Lebens. Da wir in einem grossen Ökodorf leben, hat unser Sohn täglich Kontakt mit anderen Kindern und ein grosses soziales Netzwerk. Als er acht Jahre alt war, pilgerten wir mit ihm und seiner Schwester, über 1000 Kilometer zu Fuß durch Spanien und die Türkei. Schon damals sagte er, dass ihm Rad fahren mehr Spass mache als Laufen und in unserem Sohn entstand der Traum, mit dem Rad um die Welt zu fahren.

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Am 1. Mai 2026, fünf Jahre nach unserer Pilgerreise, geht es los. Wir verlassen unsere Komfortzone und die Gemeinschaft, den Lebensgarten Steyerberg, in dem wir 18 Jahre gelebt, geliebt, gelitten und gewirkt haben. Wir geben das Vertraute auf.

Ein Jahr haben die Vorbereitungen gebraucht und mit Reisebeginn sind sie nicht abgeschlossen. Das Haus ist untervermietet und die meisten unserer Sachen verkauft und verschenkt. 65 Menschen stehen abfahrtbereit am Gemeinschafts-Dorfplatz und begleiten uns auf der ersten Etappe, die bis zum Eiscafé nach Stolzenau an der Weser geht. Eine kleine Gruppe begleitet uns noch ein paar Tage, bis es dann irgendwann realer wird: Wir sind unterwegs. Nicht für einen Urlaub, nicht für eine 6-wöchige Reise, wir wollen mit dem Rad um die Welt.

Ob wir das schaffen? Das wird sich zeigen. Unserem Sohn haben wir beigebracht, dass fast alles möglich ist und dass er an sich glauben darf. Ich als Mutter betone, dass wir ja keine Mission haben, und jederzeit umdrehen können. Er entgegnet sehr klar, dass er hingegen schon eine Mission habe. 

Diese treten wir jetzt also an. Oder kurbeln wir an. Da wir Erwachsenen offen für neues sind, das Alte kennen wir ja schon, sagen wir Ja zu diesem Abenteuer. Schliesslich sind die beiden älteren Kinder gerade ausgezogen. Wir stoßen, in einem Land, wo die meisten anderen Kinder zur Schule gehen, mit dem Freilernen an unsere Grenzen.

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Unser erster Übernachtungsstop ist das Steinhuder Meer. Um ehrlich zu sein, haben wir keine Ahnung von Fahrrädern. Zum Glück begleitet uns vorerst noch ein befreundeter Fahrradmechaniker, der uns in das Universum von Rädern einweist. Wir gewöhnen uns ab jetzt an jeden Morgen vor Abfahrt, die Kette zu ölen und überprüfen neben dieser die Bremsen, das Steuerlager und die Schaltung. Da sind wir ganz gründlich, erst danach geht es los. 

Schon bald erfordert diese morgendliche Routine, inklusive der Reiselogistik, eine echte Disziplin von uns. So ungerne, wie ich in der Früh draußen im Regen Yoga praktiziere oder mich zur Meditation hinsetze, wenn ich Migräne habe, will ich irgendetwas an meinem Fahrrad überprüfen unter diesen Umständen.

Und die Umstände sind hart in den ersten Wochen. Von Regen, Wind und Kälte begleitet, folgen wir dem Wasser und das Wasser folgt uns. Entlang dem Mittellandkanal, nach Dresden an die Elbe und dieser flussaufwärts Richtung Prag. In Dresden packen wir um. Das Rad unseres Sohnes ist einen Tick zu gross und um ihm Gepäck abzunehmen, finden wir einen perfekten Second-hand Anhänger in der Stadt.

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Wir wollen auf unserer Reise Menschen kennen und verstehen lernen, und aufzeigen, wie wir alle miteinander verbunden sind. So ganz alltagsnah und im Leben. Oder in dem, welches Menschen mal hatten.

Im ehemaligen Durchgangslager Theresienstadt verbringen wir einen halben Tag. Neben zwei Friedhöfen, einem Krematorium und einem Festungslager besichtigen wir das Ghettomuseum. Es ist in einem Haus untergebracht, das früher ein Knabenheim war. Insgesamt lebten rund 10.500 Kinder in Theresienstadt, von denen die meisten ermordet wurden. 

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Im Anschluss an diese Besichtigung ist das Hauptthema der folgenden Stunden die jüdische Geschichte, vorallem aber die jüdische Religion. So geht Lernen von unterwegs. 

 Petur, so heisst der fast 13-jährige an unserer Seite, fragt noch zwei Tage später, warum wir Menschen sowas machen. Das « wir » in seiner Frage, erzeugt bei mir Gänsehaut. Denn tatsächlich, sind wir nicht getrennt, von all dem da draußen. Es ist keine andere Spezies als wir, die Kriege führen und zu so großem Grauen, wie dem des Holocausts fähig sind. Seine Frage fordert mich auf, in meine eigenen Schattenanteile zu schauen. Denn wenn ich da kein Licht drauf lege, dann bleiben diese im Dunkeln und machen dort ihr eigenes Ding. Und das ist meistens unheilsam.

Weiter geht es das letzte Stück des Weges an der Moldau nach Prag. Majestätisch empfängt uns die Stadt mit ihren zahlreichen Brücken und ihrem Schloss. Da wir low budget unterwegs sind, nehmen wir uns nur einen Tag in der Stadt, um am Abend unsere Zelte 30 Kilometer südlich der Hauptstadt in einem Wald aufzubauen. 

Wir gehen früh schlafen, um am nächsten Tag gestärkt weiter Richtung Süden zu strampeln. Am Donauradweg entlang wird es über Budapest und Belgrad, Sophia und Istanbul immer der aufgehenden Sonne entgegen gehen, die uns jeden Morgen Hoffnung schenkt für eine Welt, in der alle friedlich miteinander verbunden sind. Wir wünschen uns, mit dieser Reise durch die unterschiedlichen Begegnungen mit Menschen und Kulturen einen Beitrag dazu leisten zu können.

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