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Im Herzen Konyas. Im Herzen Rumis

In Konya werden wir ganz im Geiste Rumis empfangen. Eigentlich wollten wir nicht mitten in der Nacht hier ankommen. Und damit, dass die Sufiunterkunft, in der wir vor vier Jahren unterkamen, inzwischen geschlossen ist, hatten wir auch nicht gerechnet.

Auf unsere Frage nach einem Zeltplatz – ein Hotel passt nicht in unser Budget – werden wir zu einem Parkplatz verwiesen. Hä? Wie jetzt? Wir sollen direkt neben dem Mausoleum von Rumi schlafen? Von der Location her ist das ungefähr so, als würden wir unser Zelt am Hamburger Rathaus aufstellen. Oder in Berlin direkt am Brandenburger Tor.

Okay. Machen wir 🙂 Ich finde es so semi-amüsant.

Unser anfängliches Unwohlsein schwindet, als wir bemerken, dass die Menschen, die zu dieser späten Stunde noch an uns vorbeilaufen, nicht einmal komisch gucken. Da stehen wir also in unserem verschwitzten Bikepacker-Look. Unsere Körper haben seit mehreren Wochen keine Seife mehr gesehen. Wir bauen zwei Zelte im Herzen von Konya auf und werden respektvoll gegrüßt und willkommen geheißen.

Komm, komm, wer immer du bist.
Wanderer, Suchender, Liebhaber des Abschieds –
es spielt keine Rolle.

Unsere Karawane ist keine Karawane der Verzweiflung.
Komm, selbst wenn du deine Gelübde tausendmal gebrochen hast.

Komm, komm noch einmal.
Komm
. (Rumi)

Rumis Mausoleum

Nicht nur das. Wir werden auch gefragt, ob wir etwas brauchen. Nur diesmal nicht von der Polizei, die wortlos an uns vorbeifährt.

Das passt zu diesem Ort, an dem Rumi gelebt, geliebt, gewirkt und auch gelitten hat. Denn es muss ihn tief geschmerzt haben, als hoch angesehener Weiser und Gelehrter mitansehen zu müssen, wie seine Anhänger ihm die Freundschaft, die Nähe und die spirituelle Liebe zu einem einfachen Wandermystiker nicht zugestanden.

Bis hin zu dem Punkt, an dem sein geliebter Şems-i Tebrizi spurlos verschwand. Vielleicht wurde er sogar ermordet.

Aber jetzt mal langsam: Wer war Rumi eigentlich? Und warum lieben wir ihn so sehr?

Natürlich könnte ich jetzt seine Lebensgeschichte erzählen. Dass er 1207 geboren wurde, als Kind vor den Mongolen fliehen musste und schließlich in Konya zu einem der angesehensten islamischen Rechtsgelehrten seiner Zeit wurde. Das alles stimmt. Aber sein Spirit ist so viel mehr.

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Als ich vor seinem Grab stand, liefen mir Tränen über das Gesicht. Ein inneres Beben hatte mich ergriffen, wie damals schon, als ich vor vier Jahren zum ersten Mal hier war. Vor Rumis Grab tritt für mich das Denken in den Hintergrund und etwas anderes übernimmt. Etwas, das ich kaum in Worte fassen kann. Etwas, das grösser ist. Grösser als alles andere.

Vor vier Jahren ging es mir an genau diesem Ort genauso. Damals dachte ich noch, vielleicht liegt es daran, dass wir die 800 Kilometer des Sufipfades, mit zwei unserer drei Kinder, zu Fuß gegangen waren. Diesmal bin ich mit dem Fahrrad hier angekommen. Eine ganz andere Reise. Ein anderer Lebensabschnitt. Und trotzdem war diese Berührung sofort wieder da.

Mich rühren auch die Hunderttausende von Menschen, die jedes Jahr nach Konya pilgern. Ich spüre, sie kommen nicht nur, weil hier ein berühmter Dichter begraben liegt, sondern weil viele das Gefühl haben, dass etwas von seinem Herzen bis heute weiterlebt.

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Rumis Leben veränderte sich grundlegend, als er dem wandernden Mystiker Şems-i Tebrizi begegnete. Über diese Begegnung gibt es viele Geschichten. Historisch gesichert ist nur wenig. Aber in Konya steht heute eine Statue an dem Ort, an dem sich die beiden zum ersten Mal begegnet sein sollen. Sie trägt den Namen „Die Vereinigung der zwei Ozeane“.

Ich liebe diese Statue und was sie ausdrückt. Und am meisten, dass sie genau dort steht, wo Rumi und Sems sich zum ersten mal begegneten.

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Statue, die zwei Seelen darstellt als Ozeane, die miteinander verschmelzen

Zwei Meere verlieren nichts von sich, wenn sie zusammenfließen. Sie müssen sich nicht einigen, wer Recht hat. Sie werden einfach größer.

Genau so stelle ich mir die Begegnung zwischen Rumi und Şems vor. Der angesehene Gelehrte begegnet einem unbequemen Wanderer, der sich weder für Ansehen noch für gesellschaftliche Erwartungen interessiert. Statt seinen eigenen Weg zu verteidigen, lässt Rumi sich verändern. Er wird nicht weniger. Er wird weiter.

Şems soll Gott einmal gebeten haben: „Zeige mir einen Menschen, der meine Gesellschaft ertragen kann.“ Als Antwort erhielt er den Namen Rumi. Und als Gott ihn fragte, was er bereit sei dafür zu geben, antwortete Şems: „Meinen Kopf.“

Dabei ging es nicht nur um den körperlichen Tod. Für mich steckt darin die Bereitschaft, das eigene Ego, den eigenen Ruf und das bisherige Leben loszulassen, wenn es der Liebe und der Wahrheit dient. Wow! Das ist gross.

Aus der Freundschaft der beiden, entstanden Gedichte, die bis heute Millionen Menschen berühren. Rumis großes Werk, die Masnavi, beginnt mit den Worten: „Höre auf die Rohrflöte, wie sie klagt. Sie erzählt von der Trennung …“ Für die Sufis steht die Rohrflöte für die menschliche Seele. So wie das Schilfrohr von seinem Feld getrennt wurde, sehnen auch wir Menschen uns nach unserem Ursprung. Rumi sprach über den Tod, als die « Vereinigung mit dem Geliebten. »

Je mehr ich über den Sufismus lerne, desto mehr entdecke ich etwas, das mich auch als buddhistische Meditationslehrerin tief anspricht. Der Sufismus ist keine eigene Religion, sondern eine mystische Strömung innerhalb des Islam. Sein Herzstück nicht der Tanz der Derwische, sondern die Liebe. Die Sehnsucht, dem Göttlichen näherzukommen – durch Poesie, Musik, Kalligraphie, Gebet, Gastfreundschaft und den ganz gewöhnlichen Alltag.

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Mich hat besonders berührt, dass im Mevlevi-Kloster selbst die Küche als einer der wichtigsten spirituellen Übungsorte galt. Wer Gemüse schnitt, Brot backte oder den Boden fegte, übte dieselbe Achtsamkeit wie jemand, der meditierte oder sich drehte. Das fühlt sich für mich erstaunlich vertraut an. Auch im Buddhismus endet die Praxis nicht auf dem Meditationskissen, sondern beginnt dort, wo wir dem Leben begegnen.

Kurz nach Rumis Tod entstand der Mevlevi-Orden. Fast 650 Jahre lang lebten in Konya Derwische. Sie studierten, musizierten, schrieben Gedichte, empfingen Gäste, drehten sich in der Sema und versuchten, ihr ganzes Leben zu einer spirituellen Praxis werden zu lassen. 1925 wurden alle Derwischorden in der Türkei verboten und die Klöster geschlossen. Auch dieses hier. Und doch scheint sich manches nicht verbieten zu lassen. Rumi begegnet uns heute überall. In Schulen, auf Plakaten, in Buchhandlungen und vor allem in den Herzen der Menschen. Der Sufismus lebt in Vereinen und Organisationen weiter und wird toleriert.

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Rumi’s Liebe wirkt noch immer. Im Herzen von Konya diese Statue: Die Vereinigung der zwei Ozeane. Das flasht mich.

Rumi’s wichtigste Botschaft lässt sich nicht in einem Museum erklären. Sie lebt dort weiter, wo Menschen einander mit Respekt begegnen, ohne zuerst zu fragen, woher sie kommen, woran sie glauben oder ob sie in dieses Bild passen.

Rumi’s Religion war Liebe. Für mich bebt der Platz, um sein Mausoleum förmlich davon. Was für eine Gnade, diese Momente, mit all denen teilen zu können, die kommen, um sein Grab zu besuchen. Aus aller Welt. 

« Jenseits von richtig und falsch, liegt ein Feld. Dort werden wir einander begegnen. » (Rumi)

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