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Von den Seldschuken in die Tashyolu-Schlucht

Wer die Seldschuken waren? Diese Frage stelle ich mir nicht, als ich vor diesem mystischen Bauwerk aus dem 13. Jahrhundert stehe, zu dem ich mit meinem Mann und unserem Sohn fast 5000 Kilometer mit dem Fahrrad gefahren bin.

Bei Sonnenuntergang in Zentralanatolien bewundern wir die Große Moschee und das Krankenhaus von Divriği. Heilung und Spiritualität waren damals eng miteinander verbunden. Das ehemalige Krankenhaus ist so reich mit Ornamenten verziert, dass man auch mit dem Herzen sehen muss – und doch noch immer nicht alles wahrzunehmen vermag.

An diesem Ort habe ich das Gefühl, dass allein das Ausruhen zwischen den verschiedenen Formen und Farben, die sich im Licht der untergehenden Sonne zu bewegen und zu verändern scheinen, meinem Körper-Geist-Herz Heilung schenkt.

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Als ich erfahre, dass eine Frau maßgeblich an der Entstehung des Krankenhauses beteiligt war, breitet sich ein Lächeln in mir aus. Ja, diese Sterne hier und diese Formen dort. Ein Springbrunnen in der Mitte des Gebäudes. Das Plätschern des Wassers sollte die Heilung unterstützen.

Fasziniert und gebannt von diesem Schauspiel aus Formen und Farben bewege ich mich ganz im Hier und Jetzt. Meistens macht das wirklich Sinn. Wenn die nächsten Tage jedoch einer Alpenüberquerung gleichen werden, wäre es eigentlich klug, sich früher oder später um Streckenplanung und Proviantversorgung zu kümmern.

Machen wir nicht. Denn wir folgen blind William, der alles im Griff zu haben scheint. Er hat uns, aus England kommend, eingeholt, uns im Farbenmeer der Moschee von Divriği entdeckt, und gemeinsam schlagen wir unsere Zelte auf einem Feld auf. Wir freuen uns sehr über die Gesellschaft beim gemeinsamen Kochen unter den Sternen.

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Am nächsten Morgen geht es los. William hinterher. Unser Ziel: die unter Radfahrenden berühmte Taşyolu-Schlucht.

Dass wir noch einmal zum Dorf zurückfahren, um unser Wasser aufzufüllen, darauf bestehe ich. Schon bald stellt sich heraus, dass William doppelt so schnell wie wir ist und scheinbar mühelos die Schotterpisten hinaufdüst. Was nicht ganz stimmt, denn er dopt sich mit «Black Sabbath» (Heavy Metal) und Elektrolyten. Von beidem gibt er uns etwas ab, als er mitbekommt, dass wir die meisten dieser steilen Berge schieben müssen.

Na ja, eigentlich schiebe vor allem ich. Mein Sohn ist hart im Nehmen und Lukas sowieso ein Kraftpaket. Mit dem überladenen Fahrrad und dem Anhänger muss aber auch er manchmal absteigen.

Wer dachte, dass Gegenwind und Berghochfahren das Grausamste sind beim Radfahren, so wie ich es angenommen hatte, hat sich geirrt. Denn was noch krasser ist, sind steile Schotterpisten bergauf. Auf dem Geröll rollt das Fahrrad immer wieder bergab, und die Steine bewegen sich unter meinen Füßen. Der Wille ist da, meine Beine und Arme können aber nicht mehr. Ich komme in diesen Tagen mit einer Kraft in Kontakt, die ich eigentlich gar nicht habe.

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William ist weg. Das ist unterstützend, wenn jede und jeder einfach dem eigenen Tempo folgen darf.

Nach einer schweißtreibenden Passüberquerung stelle ich fest, dass steil bergab auf Schotter auch nicht viel angenehmer ist. Schon rutschen die Steine unter meinen Reifen weg, und ich lege eine weitere elegante Landung hin. Woher mein Körper diese Kunststücke kennt, ist mir ein Rätsel. Diesmal fliegt das Fahrrad einfach unter mir weg, ich springe einen Satz nach vorn, lande rennend auf beiden Füßen und laufe mit dem Schwung noch einige Meter weiter. Irgendwo dazwischen rammt mein Ellbogen mein Knie, ansonsten ist nichts passiert.

Puh, wieder einmal Glück gehabt.

Wo ist eigentlich der Rest meiner Familie?

Etwas weiter stehen sie, ohne etwas von meiner akrobatischen Aktion mitbekommen zu haben, inmitten endloser Berglandschaft und Trockenheit unter dem einzigen Baum weit und breit. Seine Äste reichen tief Richtung Erde und bieten uns saftige, reife Aprikosen dar. Was für ein Glücksmoment.

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Später, am Fluss, dem ersten, in dem wir zu schwimmen wagen und sogar das Wasser trinken, begegnen wir William wieder. Er hat schon seine Wäsche gewaschen und Pause gemacht, hat den Aprikosenbaum übersehen und schwingt sich für die Weiterfahrt auf sein Rad.

Wir hingegen machen mehrere Stunden Pause in der Mittagshitze. So langsam dämmert es uns, dass dies unmöglich die Strecke sein kann, die die vielen anderen Radreisenden – wo sind sie nur alle? – durch die bekannte Taşyolu-Schlucht nehmen. Der Weg kommt uns extrem vor. Extrem verlassen, steil, wild und gefährlich.

Mich überfällt ein Gefühl von: «Wo bin ich überhaupt, wie komme ich hier wieder heraus und wann gibt es das nächste Mal etwas zu essen?»

Letzteres ist vor allem für unseren 13-jährigen Sohn äußerst interessant und löst einiges an Stress in ihm aus.

Wir haben noch genug. Linsen und Hafer, wie meistens. Petur ist das nicht genug. Manchmal höre ich ihn etwas von Burgern und Pizza murmeln. Er hat sogar ein Lied komponiert, in dem diese Worte immer wieder vorkommen.

Mir wird jedenfalls deutlich, dass es hier in der Wildnis wirklich schlau wäre, Schokolade, Kekse und Chips dabei zu haben. Nahrung für die Psyche meines Sohnes. Riegel wären natürlich optimal, doch so etwas habe ich hier in den Geschäften noch nicht entdeckt.

Na ja. Wir haben jedenfalls Hafer und Linsen und müssen unseren Sohn bei guter Laune halten, denn das ist für ihn kein Essen, das mental besonders unterstützend ist in dieser Einöde.

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Manchmal kommt mir die trockene Landschaft mit ihren 3000 bis 4000 Meter hohen Bergen so heftig still, weit und mächtig vor, dass ich meinen Geist bewusst öffne, damit er diese Erhabenheit nicht blockiert. Ich stelle mir dafür vor, dass meine Schädeldecke sich weitet und mein Kopf sich in diese Landschaft hinein ausdehnt. Es klappt.

Was auch zum Ende des Tages noch nicht klappt, ist, die Berge hochzuschieben. Immer wieder muss mein Mann, sobald er oben angekommen ist, umdrehen, um anschließend mein Fahrrad den Berg hinaufzubringen. Dafür, wie für vieles andere, liebe ich ihn sehr.

In den sozialen Medien wird unser Gepäck teilweise heftig diskutiert. Auch in unserem Reiseteam, bestehend aus meinem Mann, unserem Sohn und mir, ist das immer wieder ein Thema. In dieser Einöde, in der wir wirklich nicht die Kraft hätten umzukehren, bin ich allerdings froh über die zusätzlichen Mäntel, Schläuche und das Werkzeug, das wir dabei haben.

Ein bisschen mental-emotionaler Proviant wäre allerdings auch schön gewesen.

Am Abend stehen doch tatsächlich 36 Kilometer auf dem Tacho. Wir zelten in einer grandiosen Berglandschaft und sind dankbar dafür, am Leben zu sein.

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Kurz vor dem Einschlafen erreicht mich noch eine Nachricht von William. Er liegt nur sechs Kilometer von uns entfernt in seinem Zelt. Mit seiner Botschaft: «Der nächste Tag hat krasse Steigungen», schlafe ich ein. Und mit genau diesem Gedanken wache ich am nächsten Morgen wieder auf.

Bevor ich mir die vor uns liegende Strecke anschaue, meditiere ich und mache ein paar Yogaübungen. Hafer kochen, Zelte abbauen, Fahrräder checken, los geht es. Und zwar den steilsten und längsten Berg, den wir bisher befahren haben.

Zum ersten Mal schieben wir wirklich alle drei.

Zu meiner großen Freude steht plötzlich neben mir eine Kuhherde. Die Tiere sind zum Teil mit prächtigem Kopfschmuck geschmückt, was in mir Wellen der Freude auslöst.

Diese kleinen Glücksmomente, die Blumen am Wegesrand, die mich schon durch die ganze Türkei begleiten, sind es, die mir die Kraft geben, weiterzustrampeln. Oder weiterzuschieben. Immer wieder begleite ich meine Aufmerksamkeit sanft in die Blüten hinein, wenn sie sich gerade wieder auf meinen kreisenden Gedanken oder schmerzenden Körperteilen niederlassen will.

Und irgendwann ist auch dieser Berg erklommen.

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Irgendwann geht es endlich bergab, und der Untergrund wird einigermaßen sanft. Wir passieren eine weitere Straße. Dies wird wohl der eigentliche Zugang zur Taşyolu-Schlucht sein, denn so verrückt können Menschen gar nicht sein, dass sie die Strapazen auf sich nehmen, die wir hinter uns haben. Auch William sieht das ein, dem wir Tage später «durch Zufall» wieder begegnen sollten.

Jetzt sind wir also wirklich auf dem Weg in die Taşyolu. Bergab jauchzen und freuen wir uns. Die Kulisse erinnert an die Schweiz.

Vor dem Eingang der Schlucht, die aus etwa 30 Tunneln besteht und zu den spektakulärsten Strecken der Türkei gehört, erinnert sich mein Nervensystem plötzlich daran, dass ich unter Höhen- und Platzangst leide. Die schmale Straße wurde in den 1870er-Jahren in die steilen Felswände geschlagen und diente einst als wichtige Handelsroute zwischen Zentralanatolien und dem Osten des Landes. Noch heute kleben an den Schildern die Aufkleber von Rad- und Motorradreisenden aus aller Welt.

Okay, sage ich mir, die haben das auch geschafft.

Los geht es.

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Und es ist tatsächlich gar nicht so schlimm, wie ich es befürchtet hatte.

Unser großes Highlight sind Steinböcke – Lukas‘ und mein Sternzeichen –, die direkt vor uns auftauchen und dann mit einer Geschmeidigkeit und Leichtigkeit die steilen Felswände hinaufspringen, die uns neidisch werden lässt.

Nach zehn Kilometern verändert sich auch das wieder.

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Zwei volle Tage haben wir gebraucht, um uns durch diese bergige, unwegsame Landschaft zu lachen und zu quälen. Es kam uns vor wie zwei Wochen. Nichts fühlt sich hinterher an wie vorher. Für mich ist das kaum in Worte zu fassen.

Ich weiß nur noch, dass mir die Linsen, die wir uns spätabends auf dem Seitenstreifen der Schnellstraße, die wir nun berghoch fahren dürfen, kochen, vorzüglich schmecken. Und dass wir den Plan fassen, unseren Sohn in der nächsten Stadt, die wir erreichen werden, so richtig zu mästen.

Mit Sesamringen und Wassermelone, wie wir einen Tag später feststellen.

Wir nehmen das, was kommt, und wie es kommt. Und wenn wir dann abends völlig erschöpft im Zelt liegen und eine unserer Töchter uns aus Chile oder Montenegro anruft, dann ist das Glück für einige Momente vollkommen.

Bis zum nächsten Abenteuer.

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1 Gedanke zu „Von den Seldschuken in die Tashyolu-Schlucht“

  1. Unglaublich, was für eine Tour.
    Dein Sarkasmus macht es spaßig zu lesen.
    Ich erinnere mich an diese zwei Tage und deine für 48 Stunden ausbleibende Antwort.
    DAS lag also dazwischen. 😊
    Passt gut auf euch auf und nehmt genügend Wasser und Sesamringe mit!
    Grosse Umarmung

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