Endlich in Tiflis. Das war ein großes Ziel für uns. Einige Tage nach unserer Ankunft sind wir Stadt-durchtränkt-groggy. Dreimal waren wir bisher bei der chinesischen Botschaft, heute konnten wir endlich unsere Pässe abgeben. Ich sage immer «unsere», das könnte damit zu tun haben, dass ich diejenige bin, die sich in Sachen Visa und Buchungen an die Arbeit macht. Dabei blende ich zwischenzeitlich vollkommen aus, dass die Länder, durch die ich am allerliebsten mit dem Fahrrad fahren wollte, von Petur und Lukas ohne mich durchfahren werden.

Ich hatte gehofft, noch mindestens bis nach Almaty zu kommen, einer Stadt ganz im Osten des gigantischen Landes Kasachstan, von wo aus die beiden dann weiter über die chinesische Grenze fahren.

Ziemlich schnell wird deutlich: Wir können diese Strecken, die vor «uns» liegen, eigentlich kaum wirklich im Voraus planen. Schon in der Türkei lernten wir Steppe kennen und wissen seitdem, was für eine mentale Leistung es ist, eben so eine zu durchqueren. Dazu kommen dann die Wind-, Kälte-, Hitzebedingungen und ganz voran das Höhenprofil. In der Türkei haben wir einen Berg – es ging 18 Kilometer berghoch – zum Teil in 330-Meter-Abschnitte eingeteilt. Solange wir noch Schokolade hatten, gab es ein Stück nach jeder Etappe.

Zudem verändern sich ständig die Visa- und Einreisebedingungen. Seit 24. August brauchen wir auch für Kasachstan ein Visum (da galt vorher 30 Tage Aufenthaltsgenehmigung bei Einreise über die Grenze – so ganz easy in den Pass gestempelt), und die Grenze von Kasachstan nach Usbekistan lässt sich momentan nur mit dem Zug überqueren. Für den Zug braucht es vorab Tickets, die man nur online buchen kann, es gibt aber keine.
Wir kennen Menschen (seit William ➡️ Siehe auch diesen Post) treffen wir erst hier in Georgien wieder andere Radreisende), die tagelang oder auch wochenlang am Bahnhof in Beyneu (Kasachstan) feststecken. Dort soll man nämlich warten, sofern man last minute auf einen Zug zugelassen werden möchte.
Und dann lesen wir von Menschen (thanks god! Es gibt eine WhatsApp-Gruppe «Cycling East»), die ein Ticket haben, deren Räder allerdings nicht mitgenommen werden.
Und da ich die Hauptorganisatorin dieser Reiselogistik bin, passt es mir gar nicht in den Kram, Lukas und Petur dort alleine durchzulassen. Ich will alles kontrollieren und in der Hand haben 🙂 Und ich will auch frei laufende Kamele und Jurten sehen und 2000 Kilometer durch Wüste fahren, vorbei an alten Sufiplätzen, unterirdischen Moscheen und gefährlich wenigen Wasserstellen.
Heute konnten wir «unsere Pässe» bei der chinesischen Botschaft einreichen. Und bekommen sie erst am Dienstag wieder. Hoffentlich dann mit der Erlaubnis, 90 Tage China zu bereisen. (Neunzig! Tage!! :-)) Und es wäre toll, wenn uns die bis jetzt eher unfreundlich auftretenden Polizisten hier in Tiflis nicht noch mal für eine weitere Passkontrolle anhalten würden.
Heute, nach fünf Nächten in einem wunderbaren Hostel in einem Außenbezirk Tiflis’, haben wir uns etwas in der Stadt akklimatisiert. Verrückt, erst freuten wir uns auf die Annehmlichkeiten einer Unterkunft und die Möglichkeiten einer Stadt nach vier Monaten auf dem Fahrrad, und dann komme ich so gar nicht gut zurecht mit dem Lärm, den Gerüchen und der Fülle an Dingen. Wir haben schon viel zu viel Geld für Hafermilch und Co. ausgegeben.

Ein großer Teil der Konsumwelt findet hier übrigens unterirdisch statt. In den Gängen zur und von der U-Bahn. U-Bahnfahren gleicht einem Besuch in der Geisterbahn. Kein Scherz! Es gibt enge Rolltreppen, die tief in einen Schlund hinunterfahren, das Ende nicht in Sicht, empfangen wird man da unten mit ohrenbetäubendem Lärm der U-Bahn. Wir halten es meistens nur mit zugehaltenen Ohren aus.

Und jetzt mal zum Rest Georgiens: Den kennen wir quasi nicht. Auch wenn wir vor vier Jahren schon mal mit unserem Auto hier waren und einen Monat im Land verbrachten (zum Teil reitwandernd an der Grenze zu Aserbaidschan). Diesmal sind wir nahe der armenischen Grenze eingereist – mit dem Fahrrad – und etwa eine Woche durchs Land geradelt.
Wir verstehen dieses Land nicht, kommen schwer in Kontakt mit Menschen, von denen viele viel Alkohol trinken. Wir hören aber, dass es sehr offene und herzliche Menschen sind, und auch diese Erfahrung haben wir schon gemacht hier. Letztendlich sagen wir niemals etwas über ein Land aus, sondern nur über die Erfahrungen, die WIR in jenem machen.
Die Natur empfängt uns dagegen unmissverständlich. Mit einer Offenheit, die an Magie grenzt. «Atemberaubend schön» passt gut. Wir bewegen uns schweißgetränkt durch diese Berglandschaft, die mal im Nebel liegt, von einem rosa Himmel beleuchtet wird und in der wir Hagelstürme und Gewitter bangend überstehen.

Fünf Tage bleiben uns noch in Tiflis, in denen wir organisieren, arbeiten und packen. Schließlich müssen wir dann LEIDER in das Flugzeug nach Aserbaidschan steigen. Die Grenze ist in diese Richtung gesperrt (nur in die eine Richtung), und da wir gegen den kommenden Winter anradeln, haben wir die äußerst vage und wackelige Alternative eines Drei-Tage-Russland-Transitvisums ausgeschlagen.

Falls du jetzt unsere Routenplanung nicht verstehst: Wir tun es auch noch nicht.
Obwohl wir für die chinesische Botschaft schon einen 90-Tage-Routenplan ausgearbeitet haben 🙂 Inklusive Hotelbuchungen.
Und damit wir es alle verstehen, hier noch mal so:
- September – Flug nach Baku/Aserbaidschan
9.–12. September – Sightseeing in Baku
12.–14. September – Radfahren zur Hafenstadt Alat
- September bis ungewiss – darauf warten, dass uns ein Frachtschiff über das Kaspische Meer mitnimmt. Die Abfahrt ist ungewiss – man wird einige Stunden vorher informiert, falls ein Schiff fährt. Hoffentlich schaffen wir noch einen Abstecher zu den Schlammvulkanen.
Irgendwann – ein bis zwei Tage Überfahrt auf dem Kaspischen Meer nach Aktau/Kasachstan
Hoffentlich bleibt uns etwas Zeit in Aktau, um einen Teil der Wüste zu erkunden.
- September – Rückflug von Nirmala nach Deutschland (hm.)
- September – mit etwas Glück steigen Lukas und Petur in den Zug Aktau–Nukus (Usbekistan) und fahren dann durch Wüste und Gebirge (bei nächtlichen Minustemperaturen) durch Kirgistan wieder nach Kasachstan, um dann in Khorgos die Grenze nach China zu überqueren. Dort dann auch Minustemperaturen tagsüber …
YES! You can wish us GOOD LUCK!

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